Alwin Brandes

Alwin Brandes, 1922 Quelle: Archiv der sozialen Demokratie / Friedrich-Ebert-Stiftung (Signatur: 6/FOTA030948); KEYSTONE Pressedienst GmbH&Co. KG

Alwin Brandes war einer der wichtigsten Gewerkschafter Deutschlands und einer der führenden Köpfe des bis heute weitgehend unterschätzten gewerkschaftlichen Widerstandes im Nationalsozialismus. Im Laufe seines Lebens trat er in fünf verschiedenen politischen Systemen für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter ein. Brandes wurde am 12. Juni 1866 in Groß-Schönau (Sachsen) geboren. Nach einer Lehre als Schlosser arbeitete er als Maschinenbauer in Magdeburg. Schon früh setzte er sich für die Gewerkschaftsbewegung ein. 1884 trat er dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei und wurde dort 1900 Geschäftsführer in Magdeburg Damit war Brandes einer der ersten hauptberuflichen Gewerkschaftsfunktionäre in Deutschland. 1919 wurde er an die Spitze des DMV – damals die größte Gewerkschaft der Welt – gewählt. Zudem wurde er Mitglied im Zentralkomitee des Internationalen Metallarbeiterbundes. Hier knüpfte er viele Kontakte zu Gewerkschaftern im Ausland, die später für seine Widerstandstätigkeit im Nationalsozialismus bedeutend wurden. Alwin Brandes wurde zwischen 1912 und 1933 insgesamt vier Mal für die SPD bzw. USPD als Abgeordneter in den Reichstag gewählt.

Ausschnitt aus der Ehrenwand im Franktionssaal der SPD im Reichstagsgebäude. Auf dieser Wand sind die Abgeordneten der SPD verzeichnet, die gegen Hitlers „Ermächtigungsgesetz“ gestimmt haben. Quelle: Arne Pannen

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten besetzen SA-Männer am 2. Mai 1933 die Gewerkschaftshäuser. Alwin Brandes wurde gefangen genommen, neun Tage im Gefängnis Berlin-Plötzensee inhaftiert und nur unter der Auflage entlassen, sich täglich bei der Polizei zu melden. Kurz vor der Zerschlagung der Gewerkschaften konnte Brandes noch mit anderen Gewerkschaftern Schreibmaschinen und Vervielfältigungsgeräte in Sicherheit bringen. In den Folgejahren trafen sich ehemalige Gewerkschafter regelmäßig in Brandes Haus in Berlin-Tempelhof, um die politische Situation zu diskutieren. Sie bauten ein international agierendes illegales Kontaktnetz auf, dessen Zentrum Brandes war. Seine Aufgabe war es, aus dem Ausland beschaffte Informationen durchzuarbeiten und Richtlinien für die illegale Arbeit zu formulieren. Zudem führte er vermutlich eine illegale Kasse des DMV, mit der die Widerstandsarbeit finanziert und aus der verhaftete Gewerkschafter und deren Angehörige unterstützt wurden.

Am 25. Januar 1935 wurde Alwin Brandes festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Dresden überstellt. Da kein belastendes Material bei ihm gefunden wurde, lehnte die Staatsanwaltschaft eine Anklageerhebung ab. Nach seiner Entlassung wurde er der Gestapo übergeben und vermutlich im April 1935 in das Konzentrationslager Sachsenburg eingeliefert. Trotz seines hohen Alters musste er Zwangsarbeit im Steinbruch leisten. Nach Brandes’ Aussage hatten es die Wachen besonders auf ihn abgesehen: Der Lagerkommandant Bernhardt Schmidt stellte ihn den Mitgefangenen bei seiner Ankunft als „gefährlichen Marxisten und gemeinen Arbeiterverräter“ vor. Er stand unter permanenter Beobachtung, musste isoliert an einem Einzeltisch sitzen und durfte nicht mit Mitgefangenen reden. Brandes konnte dennoch seine Ehefrau über seinen Verbleib informieren. Sie gab diese Information mithilfe ehemaliger Gewerkschafter an internationale Pressevertreter weiter. Laut Brandes erwirkte der US-amerikanische Botschafter William Edward Dodd daraufhin am 8. Juni 1935 seine Entlassung aus dem KZ Sachsenburg.

1936 wurde Brandes erneut verhaftet, misshandelt und mehrere Monate in Einzelhaft gefangen gehalten. Im Oktober 1937 wurde er gemeinsam mit anderen ehemaligen Gewerkschaftern als „Kopf des illegalen Funktionärskreises“ vor dem Volksgerichtshof wegen Hochverrats angeklagt und freigesprochen. Nach eigenen Angaben pflegte Brandes weiterhin Kontakt zu ehemaligen Gewerkschaftskollegen, um im Falle eines Sturzes des nationalsozialistischen Regimes möglichst schnell eine handlungsfähige Gewerkschaftsorganisation aufbauen zu können.

Nach dem Ende des Krieges setzte sich Alwin Brandes in Berlin-Köpenick für den Wiederaufbau der SPD ein und wurde Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung. Zudem setzte er sich für den Aufbau demokratischer Gewerkschaften in der Sowjetischen Besatzungszone ein und gründete mit anderen Gewerkschaftern den Metallarbeiterverband Groß-Berlin. Am 6. November 1949 starb Brandes 83-jährig in Berlin.

Letztes Wohnhaus von Alwin Brandes in Berlin-Köpenick, aufgenommen 2010. Quelle: Arne Pannen

 

Das Straßenschild der Brandesstraße in Berlin-Kreuzberg. Die Straße führt genau auf das Gebäude des IG Metall zu, dem Nachfolgers des DMV, dessen Vorsitzender Brandes war. Quelle: Arne Pannen

 

Text: Arne Pannen

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