Ehemalige Kommandantenvilla

1933 bis 1934

Die Fabrikantenvilla wurde bei der Einrichtung des KZ Sachsenburg eigens für die Kommandanten und Lagerführer mit gepachtet.

Pachtvertrag zwischen Textilia GmbH und dem Sächsischen Staat vom 28. April 1933.
Quelle: 30044 Amtshauptmannschaft Flöha, Nr. 2395, Bl. 2 und 3, Vorlage und Repro: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz

Der erste Lagerkommandant der die Villa bezog war Max Hähnel, der auch schon bei der Besichtigung des Geländes anwesend war. Eigens dafür wurde er von seiner Tätigkeit als Obersteuersekretär im Finanzamt Zschopau bis 1. Dezember 1933 freigestellt. Anschließend erhielt er zwei Verlängerungen bis April 1934 und später bis 30. Juni 1934 aufgrund der geleisteten „Erziehungsarbeit“, die laut der Begründung, nutzlos wäre, wenn jemand ohne „Erfahrung“ das Lager übernehmen würde. Ihm wurde der Stellvertreter Kleditzsch und im Juni 1933 der Scharführer Hans Tonndorf als zweiter Stellvertreter beiseite gestellt. Hähnel wird in den Berichten zugeschrieben, dass er ein besonderes Konzept der Lagerleitung verfolgte. So beschreiben die Autoren der Broschüre „Das Lied von Sachsenburg“, dass er den „fürsorglichen“ und „gerechten“ Lagerkommandanten spielte. Bei Ansprachen teilte er den gerade eingetroffenen Häftlingen mit, dass Hitlers Vorhaben auch ihnen zu gute kommen würden. Der Zeitzeuge Karl Stenzel untermauert diese Beschreibung und berichtet, wie er im Juni 1933 auf ungewöhnliche Weise empfangen wurde:

1934 bis 1937

Nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“ und im Zuge der Reorganisation der Konzentrationslager unter Theodor Eicke wurde das KZ Sachsenburg ab Sommer 1934 und das Kommando der SS gestellt. Am 13. August 1934 wurde es offiziell durch den Kommandanten Max Simon und das „SS-Sonderkommando Sachsen“ übernommen. Es folgte ein ständiger Wechsel der Kommandanten, da sie entweder am Beginn einer „Karriere“ standen und in anderen Lagern fortsetzten oder die Kommandanten nicht als geeignet erschienen. Max Simon wird von Karl Koch im Oktober 1934 abgelöst, Simon verbleibt zunächst als Stellvertreter und befasste sich mit der militärischen Ausbildung der Wachverbände und des „Sonderkommandos Sachsen“.

Im November 1934 wird Alexander Reiner Kommandant, da Koch nach Esterwegen berufen wird. Er wird einen Monat später von Walter Gerlach abgelöst, dem dann Bernhard Schmidt folgt und der Simons Arbeit in der militärischen Ausbildung fortsetzte. Als erster Führer des Schutzhaftlagers wird ab dem 15. September 1934 SS-Scharführer Weigel ernannt. Sein Nachfolger, der zuvor in Lichtenburg Führer der Wachtruppe war, ist ab dem 1. September 1935 Arthur Rödl. Im Januar 1935 verzeichnet das Konzentrationslager Sachsenburg 380 Wachleute, welches sich ein Jahr später nahezu verdoppelt. Ab dem 1. April 1936 stabilisiert sich die Zahl auf rund 500 Wachleute.

Die SS-Wachmannschaft ab 1934 unterschied sich zur SA in ihrer Sozialstruktur deutlich. So mussten sie für die Aufnahme feste Punkte, wie z. B. Alter und Größe erfüllen. Sie gehörten zudem mehrheitlich der Nachkriegsgeneration – sie hatten also den ersten Weltkrieg nie selbst miterlebt – an und waren mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren wesentlich jünger als die SA-Wachmannschaft. Ein Großteil der SS-Wachmänner trat zwischen 1933 und 1937 in die NSDAP ein.

In ihrer Herkunft unterschieden sie sich jedoch kaum zur SA-Wachmannschaft. Die überwiegende Mehrheit der Wachmannschaften während der gesamten Zeit des Bestehens des Konzentrationslagers stammte aus Sachsen und der unmittelbaren Umgebung.

In den Berichten wird oft auch von den Bereicherungsabsichten der Wachmänner in Form von hohen Gehältern, Autobesitz und Tierzuchten geschrieben.

Vom „Alltag“ der Wachmänner zeugt die Postkarte eines Wachmanns an seinen Bruder.

„Am Dienstag abend war ich mit Philipp Georg fort, sind erst ¾ 2 Uhr heim, das Bier schmeckte! Laß auch bald etwas von Dir hören. […] Besten Gruß Dein Bruder Siegfried.“

Privatarchiv Anna Schüller

Die Häftlinge selbst standen unter ständiger Bewachung. Ende 1936 wird beschrieben, dass sich um das Lager Maschinengewehrtürme, zweieinhalb Meter hoher Stacheldraht und aller 40 Meter ein Posten befinden. In Frankenberg wird zu dem in einer GEG-Tabakfabrik eine SS-Totenkopfsturm-Kaserne eingerichtet.

Neben dem Gehalt erhalten sie Verpflegung, Wohnung und Bekleidung. Dabei lassen die SS Wachmannschaften kaum Gelegenheiten aus, um das Leben der Häftlinge deutlich zu erschweren und ihnen Gewalt zuzufügen, so schon bei der Bitte austreten zu dürfen oder bei einem Selbstmordversuch eines Häftlings am ersten Weihnachtsfeiertag 1936, wo die SS noch beim Sturz aus dem Fenster auf ihn schoss. Sachsenburg wurde außerdem für einige Kommandanten und Lagerführer zur Basis ihrer Karriere, wie für Karl Koch. Er befand sich

„am Anfang seiner Karriere, in deren Verlauf er Kommandant von fünf weiteren Konzentrationslager werden sollte: Columbiahaus, Esterwegen, Sachsenhausen, Buchenwald und Lublin-Majdanek.“

Carina Baganz: „Ohne Misshandlungen ist kein Tag vergangen.“. NS-Täter in den frühen sächsischen Konzentrationslagern. In: informationen Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933 – 1945. 35. Jg. (2010), H. 72, S. 13.

Von Karl Koch ist zudem sein Fotoalbum überliefert, in der er auch seine Zeit im KZ Sachsenburg dokumentiert.

Abschiedsfeier Karl Otto Koch
Karl Otto Koch feiert hier seinen Abschied in der Villa. Aus dem Fotoalbum des Kommandanten Karl Otto Koch.
Quelle: Sammlung Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
Aufmarsch auf Appellplatz
Regelmäßig finden militärische Aufmärsche, wie hier auf dem Appellplatz im KZ Sachsenburg statt. Aus dem Fotoalbum des Kommandanten Karl Otto Koch.
Quelle: Sammlung Stiftung Sächsische Gedenkstätten.

Für die Wachmannschaften v. a. der SS konnte festgestellt werden, dass das KZ Sachsenburg nicht durchweg Ausgangspunkt für die Karrieren war. Sie wurden vielmehr ausgewählt, inwiefern sie für das im Entstehen befindliche System der Konzentrationslager geeignet waren. Die Dienstzeit im KZ Sachsenburg begleitet durch die militärische Ausbildung diente der Brutalisierung und Militarisierung der Wachmänner.

1945 bis 1990

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Villa als Kinderkrippe genutzt. Seit 1990 steht die Villa leer. Das Gebäude befindet sich seit 2014 im Besitz der Stadt Frankenberg. 2015 fasste diese den Beschluss die Villa abzureißen.