Georg Sacke

Am 21. Dezember 1901 (julianischer –) 02. Januar 1902 (gregorianischer Kalender wurde Georg Sacke in Kischinjow (russisches Bessarabien), dem heutigen Chişinău/Moldawien (Republik Moldova), geboren und wuchs in einer liberalen, kinderreichen Familie auf. Er entstammte einer lettisch/deutschbaltischen Bauernfamilie, die letztendlich 1861 aus der russischen Leibeigenschaft entlassen worden war.

Sein nicht erbberechtigter Vater studierte als zweiter Sohn in Leipzig Griechisch, Latein und Deutsch. Nach Ausbildung und Versetzung von Lettland nach Moldawien lehrte er dort als Professor an einem Kischinjower Gymnasium, wurde stellvertretender Direktor und als russischer Staatsrat in den Dienstadelsstand erhoben.

Eltern Georg Sackes. Quelle: Sächsisches Staatsarchiv. Staatsarchiv Leipzig, Nachlass Georg Sacke 21820, 70, Bl.5.

Nachdem Georg Sacke zuerst Privatunterricht erhalten hatte, wechselte er an das Gymnasium seines Vaters und legte mit 17 Jahren sein Abitur ab. Wegen der Revolutionszeit, des Bürgerkrieges und der Intervention in Russland bzw. Sowjetrussland, konnte er erst 1921 als Werkstudent sein Studium beginnen. Wie sein Vater entschied er sich für die Leipziger Universität. Nach relativ breit gefächertem Studium spezialisierte er sich in osteuropäischer/russischer Geschichte. 1929 promovierte er sich mit dem geistesgeschichtlichen Thema „W. S. Solowjews Geschichtsphilosophie. Ein Beitrag zur Charakteristik der russischen Weltanschauung“. Von 1927 bis 1933 arbeitete er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropageschichte des Instituts für Kultur- und Universalgeschichte der Universität Leipzig, schrieb seine Habilitation zum Thema „Zur Charakteristik der Gesetzgebenden Kommission Katharinas II. von Russland“. Ende 1932 erfolgte die Berufung zum Privatdozenten, die er an der nunmehr nationalsozialistischen Universität am 1. April 1933 wieder verlor. Die Thematik um „Katharina II.“ wurde zum Spezialgebiet und bringt ihm bis heute wissenschaftliche Beachtung.

Seine mit Rosemarie Gaudig, der jüngsten Tochter des international bekannten Reformpädagogen Hugo Gaudig, Ende 1932 geschlossene Ehe blieb kinderlos. Aber sie verhalf ihm zuerst zur sächsischen, dann zur deutschen Staatsbürgerschaft.

Parteilich organisierte sich Georg Sacke nie, stand zuerst den Sozialdemokraten, spätestens ab der Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland den Kommunisten näher. Laut Urteilsakte soll er an der Universität Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes gewesen sein. Als Gründungsmitglied war er Schriftführer der „Vereinigung russischer Studenten in Deutschland in Leipzig“ und traf mit Dr. Margarete Blank zusammen. In einer Studentenzeitung schrieb er politische Artikel.

Während der Weltwirtschaftskrise ab Ende der 20er Jahre besserte Georg Sacke sein familiäres Budget mit Russland- und Sowjetrusslandthemen an der Leipziger Volkshochschule auf. Seine Hörer waren zum großen Teil in den Gewerkschaften, der Sozialdemokratie und bei den Kommunisten organisierte Arbeitslose. Freundschaften entstanden, vor allem die mit dem Maler und Altkommunisten Alfred Frank. Während des Studiums geschlossene Freundschaften mit den Mitgliedern der Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) –Dr. Maria Grollmuß und Dr. Hermann Reinmuth bestanden fort. Gemeinsame Hilfsaktionen führten zur ersten Verhaftung Anfang Dezember 1934. Nach ca. einem halben Jahr Haft in Dresden wurde Georg Sacke am 06. Mai 1935 in das hiesige Konzentrationslager Sachsenburg verlegt. Diese Hölle durchlebte er bis zum strengen Arrest.

Am 1. November 1935 erfolgte der Freispruch vom Verdacht auf Hochverrat. Zuvor hatte er seine deutsche Staatsbürgerschaft verloren.

Nach Entlassung, arbeitsloser, aber politisch nicht untätiger Zeit, in der er immer stärker theoretische Arbeit im Geiste der Sowjetunion in der Intellektuellen Gruppe um Alfred Frank und Wolfgang Heinze leistete und in der sich die Verbindungen mit der Gruppe um Georg Schumann – Otto Engert – Kurt Kresse enger gestalteten, ging er der Arbeit wegen ab Herbst 1940 nach Hamburg.

Erstes Bild nach der Entlassung aus der Haft Anfang 1936. Fotos von Lenka Koerber. Quelle: Sächsisches Staatsarchiv. Staatsarchiv Leipzig, Nachlass Georg Sacke 21820, 48, Bl.7.

Die Widerstandsarbeit nach Leipzig riss nicht ab. In Hamburg gliederte er sich in eine Widerstandsgruppe um den kommunistischen Lehrer Hans Ketzscher ein, den er aus gemeinsamen Leipziger Studienzeiten kannte. Im Zuge der Verhaftungswelle gegen die Leipziger Widerstandsgruppen, die sich nun als „Leipziger Nationalkomitee Freies Deutschland“ organisiert hatten, geriet auch Georg Sacke erneut ins Visier der Gestapo.

Letzte Aufnahme von Georg Sacke 1944. Quelle: Sächsisches Staatsarchiv. Staatsarchiv Leipzig, Nachlass Georg Sacke 21820, 70, Bl.15.

Gemeinsam mit seiner Frau wurde er am 15. August 1944 in den Büroräumen des Hamburgischen-Welt-Wirtschafts-Instituts e.V. verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis und Konzentrationslager Fuhlsbüttel eingeliefert. Eine Anklage erfolgte nie. Vielmehr wurde er am 20. März 1945 in das Massenvernichtungslager Hamburg – Neuengamme verlegt, erkrankte und durchlitt geschwächt den Todesmarsch nach Lübeck. Noch bevor er eingeschifft wurde, brach er vor den Schiffen um die „Cap Arcona“ zusammen, wurde geschlagen, getreten, weggeschleift und verstarb. Sein Grab findet man auf dem Vorwerker Friedhof in Lübeck.

 

 

 

 


Text: Volker Hölzer
Literatur:
Volker Hölzer: Georg und Rosemarie Sacke. Zwei Leipziger Intellektuelle und Antifaschisten. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Leipzig 2004
Volker Hölzer: „… Georg ist unschuldig …“ : der Haftbriefwechsel von Rosemarie und Dr. Georg Sacke 1934/1935 / Volker Hölzer (Hrsg.). Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Leipzig 2007.

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